Offen fahren in den 1920ern

Rascasse Motor Revue - Magazin über automobile Leidenschaft für Automobil-Enthusiasten mit Benzin im Blut

Wer glaubt, die 1920er Jahre bestünden nur aus verwegenen Charleston-Tänzen, verrauchten Jazz-Kellern und Whisky in Teetassen, unterschätzt die wahre Essenz der goldenen Dekade: offene Automobile als ultimatives Statussymbol. Offen fahren war damals keine Frage von Frischluftzufuhr, sondern gesellschaftlicher Positionierung. Nur wer es sich leisten konnte, präsentierte sich ungeniert dem Fahrtwind – die Bevölkerung, die Rücksicht auf Frisuren oder terminlich eingeschränkte Bobs nehmen musste, fuhr gefälligst geschlossen oder mit öffentlichen Verkehrsmitteln. In den 1920ern war das Cabriolet, und noch mehr der noble Roadster, nichts weniger als ein rollender Beweis dafür, dass man zur sozialen Aristokratie zählt.

Maßanfertigung statt Massenmobilität

Vergessen wir die demokratische Fließbandproduktion der späteren Jahrzehnte: In den 1920ern war ein offenes Auto immer Handarbeit. Ein Coachbuilder – nein, das ist keine Software zur Lebensoptimierung – schneiderte auf Bestellung individuelle Karosseriekunst. Katalogware? Ein Affront! Wer Rang und Namen hatte, ließ sich einen Delage, Mercedes oder Bentley mit Stoffverdeck nach Maß anfertigen. Geschmack durfte, ja musste, zelebriert werden – auch wenn darunter die Alltagstauglichkeit litt. Wer brauchte schon Kofferraum oder Wetterschutz, wenn Exklusivität auf dem Spiel stand?

Luxus, der riechbar war

Der Duft frisch gegerbten Leders, vermischt mit leichten Ausdünstungen von Benzin und Staub, tauchte jede Spritztour ins olfaktorische Reich der Luxuriösen. Wer heute in ein klimatisiertes Premium-Modell steigt, wähnt sich im Vergleich dazu in einer aromaneutralen Unterdruckkammer. Damals war jedes offene Auto ein Synonym für sensorische Sinnexplosion – nicht nur Fahrer, sondern auch Passanten wurden Zeugen olfaktorischer Präsenz.

Ein offener Wagen – das iPhone seines Jahrzehnts

Der offene Wagen war damals, was heute das neueste Smartphone ist: Ein Must-have, von maximaler Sichtbarkeit, zum Beweis, am Puls der Zeit zu leben. Geschwindigkeit? Eher relativ; die Straßen der Weimarer Republik erinnerten mitunter an frisch gepflügte Äcker, was jedoch den Fahrspaß – oder besser: das Gefühl elitärer Überlegenheit – nur noch steigerte. Windschutzscheiben? Dünn wie Gänseblümchen und meist effektlos. Sonnen- und Regenschutz? Die Hoffnung stirbt zuletzt.

Gesellschaftlicher Status auf Rädern

Wer Cabrio fuhr, fuhr nicht allein. Man ließ sich sehen und bestaunen. Hochgezogene Krägen, elegante Hüte und damenhafte Schals gehörten ebenso zur Ausstattung wie edle Holzapplikationen im Innenraum. Die Soziologen waren sich schnell einig: Das offene Automobil schuf eine mobile Bühne. Wer darauf verzichtete, verzichtete auf Applaus – oder riskierte, von der Nachbarschaft für immer dem Segment der Unsichtbaren zugeordnet zu werden.

Die Schattenseiten des offenen Fahrens in der Ära Gatsby

Es war nicht alles glanzvolle Noblesse. Wer offenen Hauptes durch den Großstadtverkehr rauschte, holte sich früher oder später mehr als nur einen Sonnenstich. Neben Wind und Wetter machten auch Insekten, Staubkörner und gelegentlich zu enthusiastische Paparazzi dem Fahrer das Leben schwer. Aber: Ein wahrer Connaisseur der Epoche sah darüber hinweg – getreu dem Motto: Stil darf etwas kosten, auch die Gesundheit.

Ein Wort zu den Mitfahrern

Auch das Mitfahren war eine Kunstform zwischen Eleganz und Akrobatik. Während Fahrer und Beifahrer versuchten, Haltung zu bewahren und gleichzeitig den gefürchteten „Fahrtwind-Föhn“ zu kontrollieren (Haarbänder, Haarspray, Zylinder – alles war erlaubt), präsentierten sich die Gäste auf der Rückbank als Statisten der rollenden Operette. Zusammengekniffene Augen und ein bemühtes Lächeln waren Pflicht, schließlich wurde jede Zufahrt zum Hotel Adlon zur Modenschau der oberen Zehntausend.

Von heute kaum nachvollziehbarer Exklusivität

Die offene Mobilität der 1920er war ein Privileg, das mit der späteren Demokratisierung des Automobils schleichend verflog. Heute, im Zeitalter veganer Lederausstattung und 24/7-Connectivity, mutet die Maßanfertigung eines offenen Fahrzeugs wie ein Relikt aus einer anderen Welt an – gerade deshalb ist sie so faszinierend. Wer sich noch an die vollendet geschwungenen Kotflügel und Stoffdächer erinnert, weiß: Jedes offene Fahrzeug jener Zeit war individuell, extravagant und im Kern völlig unvernünftig – aber exakt das macht den Reiz aus.

Vielleicht ist es gerade diese Unvernunft, der tiefe Wunsch, ein Zeichen zu setzen jenseits aller praktischen Überlegungen, der die Faszination des offenen Fahrens bis heute lebendig hält. Denn wer einmal die Straßen von damals im offenen Wagen erlebt hat, weiß, dass Luxus aus einer Zeit stammt, in der der reine Genuss noch wichtiger war als jede funktionale Rechtfertigung. Ein Hauch von Unvernunft, die heute wieder Sehnsüchte weckt – und vielleicht der Grund dafür ist, warum offene Autos auch in unserer Zeit niemals so ganz verschwinden werden.

   

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