Renault: Eine französische Erfolgsgeschichte seit 1898

Innovation und Begeisterung für das Automobil: Die Renault-Chronik von 1898 bis heute

Renault: Eine französische Erfolgsgeschichte seit 1898
Foto: Renault

Vor mehr als 120 Jahren, im Jahr 1898, rollte der erste Renault auf die Straße. Es war der Beginn eines bewegten Kapitels in der Automobilgeschichte voller wegweisender Innovationen. Eine französische Erfolgsgeschichte im Automobilbereich: Das erste Automobil mit kettenlosem Direktantrieb, die weltweit erste Kombi-Limousine mit großer Heckklappe und variablem Innenraum, der erste Turbomotor in der Formel 1, die erste europäische Großraumlimousine und der erste Kompaktvan der Welt – die wechselvolle Geschichte von Renault ist voller Höhepunkte und Innovationen.

Was heute als historisches Ereignis gilt, blieb damals nahezu unbeachtet: Im Jahr 1898 montiert Louis Renault also sein erstes Automobil, den Prototyp des späteren „Typ A“. In einem Holzschuppen in Boulogne-Billancourt bei Paris. Erste Probefahrten wecken bei Freunden des Pioniers nicht nur Neugierde, sondern auch spontane Begeisterung. Ergebnis: An Weihnachten 1898 erhält Renault Aufträge über den Bau von zwölf Automobilen. Kurze Zeit später gründet Louis Renault zusammen mit seinen Brüdern Marcel und Fernand das Unternehmen „Renault Frères“ (Gebrüder Renault). Die Folge ist ein rascher unternehmerischer Aufstieg; bereits zur Jahrhundertwende beschäftigt das Familienunternehmen mehr als 100 Mitarbeiter, weitere 10 Jahre später schon 3.000. Das nennt man mal Wachstum.

Heilig Abend 1898

Wir schreiben den 24. Dezember 1898. Während überall in der Stadt die letzten Weihnachtsvorbereitungen laufen, beobachten erstaunte Passanten am Montmartre ein sonderbares Fahrzeug, das langsam, aber beharrlich die eindrucksvolle Steigung der Rue Lepic hinaufklettert. Lenker dieser pferdelosen Kutsche mit dem Namen „Voiturette“ ist Louis Renault, der mitten in der Seine-Metropole eine Probefahrt mit seinem ersten Kraftfahrzeug-Prototypen absolviert. So beginnt eines der größten Abenteuer der Automobilgeschichte: Es ist die Geburtsstunde von Renault – einem Unternehmen, in dem die Begeisterung für das Automobil und das Streben nach technischem Fortschritt heute wie damals im Mittelpunkt stehen.

Louis Renault: der visionäre Techniker

Louis Renault, der von 1898 bis 1944 an der Spitze seines Unternehmens steht, bleibt zeitlebens vor allem eines: ein leidenschaftlicher und kreativer Techniker. Sein erstes Patent ist ein Dreigang-Getriebe, dessen höchste Stufe als Direktantrieb ausgelegt ist. Auch der Sekundärantrieb erfolgt nicht, wie damals üblich, via Gliederkette, sondern über eine starre Welle (Kardanwelle), die die Kraft zu den Hinterrädern leitet. Diese innovative Lösung geht später als erster „Antrieb ohne Ketten“ in die Automobilgeschichte ein.

Den ersten Beweis für das enorme technische Potenzial dieses Getriebes liefert schon die nicht eben üppig motorisierte „Voiturette“. Trotz ihres nur 1,75 PS starken Motors erreicht sie eine für damalige Verhältnisse sensationelle Höchstgeschwindigkeit von 50 km/h. Und letztlich ist es eben jener kettenlose Antrieb, der sie befähigt, die 13-prozentige Steigung der Rue Lepic zu erklimmen. Die neue Technik setzt sich schnell durch: Nicht nur in Europa, sondern auch in den USA zählt die Renault Entwicklung bald zur Standardausrüstung aller namhaften Hersteller. In den folgenden Jahrzehnten lässt Louis Renault noch zahlreiche andere Patente eintragen, darunter das für seine zweite herausragende Entwicklung, den Turbokompressor.

Renault: Eine französische Erfolgsgeschichte seit 1898
Foto: Renault

Rennerfolge kurbeln das Geschäft an

Auch im Rennsport geht die Marke Renault schnell auf Erfolgskurs. Die Brüder Louis und Marcel Renault gewinnen ein Rennen nach dem anderen, was die Käufer offenbar nachhaltig beeindruckt. Folge: Der Absatz legt kräftig zu, die Firma floriert.

Den Durchbruch vom Handwerksbetrieb zum Industrieunternehmen schafft Renault mit einem ersten Großauftrag über die Lieferung von Taxi-Fahrzeugen, die schon im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts das Straßenbild vieler Weltstädte prägen: In London stammt jeder zweite Mietwagen von Renault, in Paris sind es sogar noch mehr. Parallel dazu führt Renault in Frankreich die Arbeitsteilung nach dem Prinzip des Taylorismus ein – eine Maßnahme, die Schule macht. Darüber hinaus exportiert das Unternehmen einen Großteil seiner Produktion in alle Welt, wofür eigens offizielle Importniederlassungen gegründet werden, zunächst in New York (1906), dann in Berlin (1907) und – nach zahlreichen anderen Engagements in aller Welt – sogar in Tokio. Auch die Fertigung ist bald nicht mehr auf Frankreich beschränkt. Nach der Werksgründung in Acton bei London im Jahr 1905 – der ersten außerhalb Frankreichs – eröffnet Renault auch zwei Produktionsstätten in Russland.

In den 1920er-Jahren macht Renault vor allem durch zwei Aktivitäten auf sich aufmerksam: Zum einen erweitert das Unternehmen seine Produktpalette kontinuierlich, zum anderen sammelt es Preise und Trophäen in großer Zahl. Besonders spektakulär: 1923 durchquert ein sechsrädriger Renault erstmals die Sahara. Und im Jahr 1926 legt ein Renault 40 CV die Strecke von 4.167,78 Kilometern in 24 Stunden zurück – nicht etwa auf einem Hochgeschwindigkeitsoval, sondern auf der Rennstrecke von Linas-Montlhéry. „24 Stunden schneller als ein Flugzeug“, titelt daraufhin der „Figaro“. Nicht minder prestigeträchtig ist der Sieg des 40 CV mit seinem 9,1-Liter-Reihensechszylinder bei der Rallye Monte Carlo 1926.

Parallel dazu erschließt sich Renault neue Bereiche. Das Unternehmen entwickelt und produziert Bootsmotoren, Flugzeuge, Lastwagen und Landmaschinen wie Traktoren. 1921 präsentiert Renault sogar einen Lokomotiven-Prototypen. Im nach wie vor dominierenden Automobilbereich werden die Renault Motoren nicht nur leistungsfähiger, sondern – nicht zuletzt unter dem Druck der Weltwirtschaftskrise – auch genügsamer. Klarer Gewinner eines Wirtschaftlichkeitsrennens des finnischen Automobilclubs im Jahr 1925 ist dann auch ein Renault 6 CV. Das Siegerfahrzeug begnügt sich mit exakt 3,619 Liter Benzin pro 100 Kilometer.

Konsequent auf Expansionskurs

In den 1930er-Jahren erobert Renault in mehrfacher Hinsicht Neuland: Auf der Seine-Insel Seguin errichtet das Unternehmen ein neues Werk, ein Projekt, das umfangreiche Vorarbeiten erfordert. Hintergrund: Um das in regelmäßigen Abständen überflutete Eiland „wasserfest“ zu machen, wird die Ile Seguin mit über 600.000 Kubikmeter Erdmasse um mehr als sechs Meter aufgeschüttet. Auf einer Fläche von 70.000 Quadratmetern entsteht eine neue Fertigungsstätte, deren moderne Produktionstechnik Maßstäbe für die gesamte europäische Automobilindustrie dieser Zeit setzt. Schlagzeilen macht vor allem das 1.500 Meter lange Fließband, das damals weltweit längste außerhalb der USA.

In dem neuen Werk produziert Renault insbesondere seine erfolgreichen Vierzylindermodelle Monaquatre (1931-1936), Celtaquatre (1934-1938) und Juvaquatre (1937-1948), Letzterer das erste Fahrzeug der Marke mit selbsttragender Karosserie und Einzelradaufhängung.

In den 1920er- und 1930er-Jahren sorgt Renault aber auch durch opulent motorisierte Luxusautomobile für Aufsehen. Hierzu zählt neben dem 40CV insbesondere der Reinastella, der 1929 die Ära der individuell karossierten Reihenachtzylindermodelle einläutet. Mit dem Suprastella findet diese 1938 ihren krönenden Abschluss.

Ein Unternehmen des Volkes

Die Auswirkungen des Zweiten Weltkriegs führen auch bei Renault zu einer tiefgreifenden Zäsur. Nach dem Wiederaufbau ändert das bei Kriegsende verstaatlichte Unternehmen deshalb seine Produktstruktur grundlegend und konzentriert sich zunächst auf ein einziges Modell: den Renault 4 CV, der auf Anhieb zum Bestseller wird. Louis Renault selbst erlebt diese Renaissance nicht mehr; er stirbt am 24. Oktober 1944 im Alter von 67 Jahren.

Unter der Regie des neuen Chefs, Pierre Lefaucheux, entwickelt sich der kompakte 4 CV zu einem der erfolgreichsten Autos der Nachkriegszeit. Bis zur Produktionseinstellung im Jahr 1961 verkauft Renault über 1,15 Millionen Fahrzeuge dieses Typs, das sind mehr Autos als das Unternehmen von seiner Gründung bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs gebaut hat.

1955 tritt Pierre Dreyfus die Nachfolge von Pierre Lefaucheux an, der in diesem Jahr bei einem Unfall ums Leben kommt. Dreyfus steht zwei Dekaden – bis 1975 – an der Spitze des Unternehmens. Er will beweisen, dass „ein Unternehmen, das dem Volk gehört, genauso schlagkräftig und ebenso erfolgreich wie ein Privatunternehmen sein kann.“ Dreyfus setzt sein Vorhaben erfolgreich um: Er entschärft soziale Konflikte, indem er in einen Dialog mit den Gewerkschaften tritt und eine Reihe von vertrauensbildenden Maßnahmen durchführt. Beispielsweise setzt er zunächst die Einführung der dritten und 1962 auch der vierten bezahlten Urlaubswoche durch. Renault übernimmt damit gewissermaßen eine Vorreiterrolle bei der Ausgestaltung sozialer Errungenschaften.

Wegweisende Modelle

1956 debütiert mit der Dauphine ein weiterer Renault Bestseller. Zehn Jahre lang prägt das Kompaktmodell die Straßen in aller Welt. Das auf fünf Kontinenten produzierte Modell trägt wesentlich zur Internationalisierung der Marke bei.

Renault: Eine französische Erfolgsgeschichte seit 1898
Dauphine. Foto: Renault

Mit dem frontgetriebenen Renault 4 bringt Renault im Jahr 1961 einen Meilenstein der Automobilgeschichte auf den Markt, der mit typischen Merkmalen wie Steilheck und großer Ladeklappe als Urahn der modernen Kompaktklasse gelten kann. Ein anderes wegweisendes Fahrzeugkonzept repräsentiert der 1965 vorgestellte Renault 16. Mit ihm debütieren nicht nur wesentliche technische Neuerungen wie die Druckgussaluminium-Ölwanne (Weltpremiere), die Drehstromlichtmaschine und das elektrische Motorgebläse (Europapremieren). Auch aufgrund ihres revolutionären Designs wird die fünftürige Schräghecklimousine 1965 zum „Auto des Jahres“ gewählt.

Renault: Eine französische Erfolgsgeschichte seit 1898
Renault 4 Foto: Renault
Renault: Eine französische Erfolgsgeschichte seit 1898
Renault 4 späteres Modell um 1973 Foto: Renault
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Renault 16 Foto: Renault

Spitzenerfolge in Frankreich und Europa

Weitere Schwerpunkte von Dreyfus’ Firmenpolitik sind die Optimierung der Produktionsplanung und die Exportförderung. Frankreich braucht Devisen, und Renault wird sie beschaffen. 1955 exportiert das Unternehmen bereits 25 Prozent seiner Produktion, die neue Zielmarke wird jetzt auf 50 Prozent gesetzt. Damit will man außerhalb Frankreichs jene 25 Prozent Marktanteil wettmachen, die die ausländische Konkurrenz in Frankreich erobert hat. Das Ziel wird erreicht: 1975 liegt die Jahresproduktion von Renault bei 1,5 Millionen Fahrzeugen, wovon 55 Prozent in den Export gehen. Folge: Mit einem Marktanteil von 30 Prozent steht Renault nicht nur in Frankreich an der Spitze, sondern liegt auch auf dem europäischen Markt ganz weit vorne.

Neues Werk in Douai setzt neue Zeichen für Produktionstechnik

Die Basis für diesen Erfolg schafft Pierre Dreyfus durch das von ihm seit Ende der sechziger Jahre gezielt vorangetriebene Renault Engagement in Europa. Er schließt Partnerschaftsabkommen – insbesondere mit Peugeot und Volvo im Bereich Motoren – und entwickelt neue Finanzstrukturen, Händlernetze sowie neue Industriestandorte. Währenddessen wächst der Produktionsapparat in Frankreich. Beispielhaft dafür steht das 1970 eröffnete Werk in Douai, das im Hinblick auf die Produktionstechnologie zu seiner Zeit neue Maßstäbe setzt. Mit modernsten Fertigungsmethoden, einem hohen Automatisierungsgrad und einer vorbildlichen Ökonomie trägt Douai entscheidend dazu bei, dass Renault in den 1970er-Jahren zu einem der größten Hersteller des Kontinents avanciert.

Von Beginn an arbeitet die Fertigungsstätte in der Region um Nord-Pas de Calais nach dem Prinzip der „Qualité totale“. Gebaut werden in Douai Bestseller wie der Renault 5, der Renault 19 und der Renault Scénic, der die Ära der Kompaktvans einläutet und 1997 zum europäischen „Auto des Jahres“ gewählt wird.

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Renault 5. Foto: Renault

Bis zum Beginn der achtziger Jahre hält das rasche Wachstum des Unternehmens an. Bernard Vernier-Palliez (1975-1981) und nach ihm Bernard Hanon (1982-1985) setzen die von Pierre Dreyfus eingeschlagene Linie fort, und die Jahresproduktion übersteigt die Zweimillionengrenze. Die Politik der Kooperation mit anderen Herstellern gewinnt an Substanz. Die Lkw-Abteilung, mittlerweile durch Berliet und Saviem verstärkt, wird in „Renault Véhicules Industriels“ (Nutzfahrzeuge) umgewandelt. Das Unternehmen intensiviert zugleich seine internationalen Aktivitäten. Es vertieft seine Zusammenarbeit mit Volvo und erwirbt eine Beteiligung am schwedischen Konstrukteur. Auch in den Vereinigten Staaten fasst Renault mit zwei Abkommen Fuß: im Pkw-Bereich durch eine Kooperation mit AMC (American Motors Corporation), auf dem Nutzfahrzeug-Markt durch die Zusammenarbeit mit Mack Trucks.

Renault Turbomotoren revolutionieren den F1-Rennsport

Parallel dazu schlägt Renault ein neues Kapitel in der Geschichte seines traditionell vielfältigen und erfolgreichen Sport-Engagements auf: 1977 steigt das Unternehmen in die Formel 1 ein. Mit den legendären V6 Turbo-Motoren leitet Renault auch gleich eine neue Ära in der Königsklasse des Motorsports ein. Gebaut werden die Turbo-Triebwerke von Renault Sport in Viry-Châtillon. Renault Sport ist keine Unternehmensabteilung im klassischen Sinne, sondern eine unabhängig agierende Tochtergesellschaft des Unternehmens. Die eigenständige Struktur ermöglicht ein Höchstmaß an Flexibilität und ist ein wesentlicher Grund dafür, dass Renault Sport den Unternehmensleitsatz „Qualité totale“ in Perfektion umsetzen kann. Aus dem Städtchen an der südlichen Peripherie von Paris kommt später, in den 1990er-Jahren, auch der erfolgreichste Formel 1-Motor der Neuzeit: Im dortigen Entwicklungs- und Herstellungszentrum von Renault Sport werden jene Zehnzylinder-Triebwerke entwickelt, mit deren Hilfe Renault sechs F1-Weltmeistertitel in Folge gewinnen sollte.

Zwischen den beiden sportlichen Hochzeiten in der Formel 1 muss Renault eine schwere Zeit mit sinkenden Produktionszahlen bewältigen. Im Januar 1985 tritt Georges Besse die Nachfolge von Bernard Hanon an und verordnet dem Konzern eine Rosskur, in deren Zuge der Formel 1-Rennstall aufgelöst wird. Mit dieser symbolischen Maßnahme unterstreicht die Renault Konzernleitung ihre Zielsetzung, alle Kraft in die Erneuerung der Modellpalette zu investieren. Das Vorhaben gelingt: Entscheidende Beiträge dazu leisten zwei neue Modelle, der Renault 25 und der Espace, der heute als Pionier des Segments der Großraumlimousinen gilt. Das Espace-Konzept macht Schule und findet zahlreiche Nachahmer. Gleichzeitig ist dieses neuartige Automobil sichtbares Zeichen des Wiederaufstiegs von Renault.

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Renault Espace Foto: Renault Espace
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Renault 25. Foto: Renault

Europa rückt wieder in den Focus des Unternehmens

Am 17. November 1986 wird Georges Besse vor seinem Haus in Paris ermordet. Sein Nachfolger Raymond H. Lévy setzt die Sanierung des Unternehmens fort und sorgt dafür, dass sich Renault wieder stärker auf seine europäische Basis konzentriert; unter anderem gibt das Unternehmen seine Beteiligung AMC an Chrysler ab. Auch die Schließung des traditionsreichen Werks in Billancourt ist unvermeidlich. Was mancherorts voreilig als Rückzug von Renault gedeutet wird, erweist sich de facto jedoch als effektive Bündelung der Kräfte. Positive Zeichen setzt dabei die von Lévy konsequent umgesetzte Strategie Qualité totale, die von jetzt an die Zukunft des Konzerns bestimmt: Symbol dieser erfolgreichen Neuorientierung ist der Renault 19, mit dem Renault in jeder Hinsicht zur europäischen Spitze aufschließt. Unter anderem avanciert der damals neue Renault Bestseller zum meistverkauften Importauto auf dem wichtigen deutschen Markt. Im Windschatten des kompakten Mittelklassemodells fährt auch der Renault Kleinwagen Clio europaweit auf die Überholspur.

Ergebnis: 1987, nur drei Jahre nach dem großen Krisenjahr, verbucht Renault wieder einen Gewinn von 3,7 Milliarden Francs. Inzwischen kündigen sich aber schon neue Turbulenzen an, die die gesamte Automobilindustrie betreffen: Das Karussell der Übernahmen und Fusionen dreht sich immer schneller. Auch Renault plant eine Fusion – der 1990 angekündigte und im September 1993 bereits vertraglich geregelte Zusammenschluss mit Volvo scheitert jedoch in letzter Minute an den schwedischen Aktionären.

Renault wird privatisiert

Insgesamt setzt sich die positive Entwicklung von Renault jedoch fort. 1994 – unter Führung von Louis Schweitzer, der im Mai 1992 zum Nachfolger von Raymond Lévy und zum achten Konzernchef bei Renault ernannt wird – kommt es zu einer Teilprivatisierung des Unternehmens. Im Juli 1996 folgt die Vollprivatisierung. Nun geht es mit Riesenschritten voran. Symbolisch dafür stehen die sechs Formel 1-Weltmeistertitel, die Renault von 1992 bis 1997 in ununterbrochener Reihenfolge erringt. Sie bilden den krönenden Abschluss eines 20-jährigen, intensiven Formel 1-Engagements, das 2002 mit einem eigenen Werksteam wieder aufleben wird. In dieser Zeit hat Renault jedes dritte Rennen gewonnen und damit einmal mehr die Dynamik und Schlagkraft des Unternehmens demonstriert.

Erfolg auf ganzer Linie

Parallel dazu sorgt Renault mit innovativen Concept Cars für Furore. Ende der 1980er-Jahre stellt das Unternehmen mit den Studien Mégane, Laguna und Scénic neuartige Fahrzeugideen vor. Die frischen Ideen der Designer übertragen sich unmittelbar auf die Serienfertigung. Innerhalb der Renault Produktpalette werden seit den 1990er-Jahren völlig neue Konzepte realisiert.

Allen voran der intelligente Kleinwagen Twingo, der mit seinem kreativen Design und seiner wegweisenden Innenraumgestaltung nicht nur für große Überraschung, sondern auch für dauerhaften Erfolg auf den europäischen Märkten sorgt. Auf Anhieb erfolgreich ist auch der Renault 19 Nachfolger Mégane, auf dessen Plattform fünf verschiedene Modelle entstehen. Das Angebot reicht hier vom Cabrio über drei-, vier- und fünftürige Limousinenversionen bis hin zur 1996 vorgestellten Kompaktraumlimousine Mégane Scénic und dem Kombi Grandtour. Auch der Scénic avanciert auf Anhieb zum Bestseller, und durch ihn wird Renault zum weltweit ersten Hersteller, der eine vollständige Palette an Minivans anbieten kann. Der Scénic schließt die Lücke zwischen Espace und Twingo.

Renault: Eine französische Erfolgsgeschichte seit 1898
Foto: Renault PR

Louis Schweitzer verordnet dem frisch gebackenen Privatunternehmen zwei Zielvorgaben. Erstens soll Renault zur Jahrtausendwende der europäische Autohersteller mit der größten Wettbewerbsfähigkeit sein, und zweitens soll das Unternehmen wieder auf Wachstumskurs gehen. Etappen auf diesem Weg sind neben strategischen Partnerschaften, beispielsweise 1996 mit GM Europe, auch die Konzentration der Produktionsstätten in Europa. Auch in Richtung Zukunftsmärkte, insbesondere Brasilien und Russland, macht sich ein ganz neuer Elan bemerkbar.

Stellvertretend dafür steht das neue Renault Werk, das 1998 im brasilianischen Curitiba mit der Autoproduktion beginnt. Mit Curitiba verfügt der französische Automobilhersteller über eine ideale Basis für die weitere Erschließung der stark expandierenden Märkte Südamerikas. Die im Hinblick auf eine schrittweise Erweiterung konzipierte Produktionsstätte ist für eine Jahreskapazität von zunächst 120.000 Fahrzeugen ausgelegt.

Das Technikzentrum „Losange“: für die Zukunft gerüstet

Zentrale Basis für die weitere Entwicklung von Renault bleibt jedoch Europa, genauer gesagt Guyancourt bei Paris. Hier nimmt Renault 1998 sein neues Technikzentrum in Betrieb. Das mit einem Investitionsvolumen von rund 6,4 Milliarden Francs errichtete „Technocentre“ versammelt erstmals die gesamten Forschungs- und Entwicklungskapazitäten des Unternehmens an einem Ort. Seit Februar 2010 heißt das Forschungs- und Entwicklungszentrum nach dem Renault Markenzeichen „Losange“, auf Deutsch: „Rhombus“.

Ingenieure, Techniker und Facharbeiter entwickeln, konzipieren und konstruieren hier die zukünftigen Modellgenerationen von Renault. Mit dieser strategischen Neustrukturierung verbessert der Konzern seine Wettbewerbsfähigkeit deutlich. Die in einer zentralen Denkfabrik gebündelte Entwicklungskompetenz fördert den präzisen Wissensaustausch. Dies kommt sowohl der Arbeitseffizienz als auch der Produktqualität zugute.

Die Bündelung der Forschungs- und Entwicklungsaufgaben bringt allein in den Bereichen Fahrzeugplanung und -entwicklung jährliche Einsparungen in Höhe von rund 1,0 bis 1,5 Milliarden Francs. „Losange“ markiert damit – aus technischer wie aus wirtschaftlicher Sicht – einen weiteren Meilenstein in der Unternehmensgeschichte: Mit 150 Hektar Grundfläche und rund 360.000 Quadratmeter Gebäudenutzfläche repräsentiert es die Leistungsfähigkeit von Renault – und es symbolisiert die positive Aufbruchsstimmung, mit der das Unternehmen den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts begegnet.

Die strategische Allianz mit Nissan

Ein Meilenstein der Unternehmensgeschichte ist die strategische Allianz mit Nissan. Am 27. März 1999 unterzeichnen Renault und Nissan in Tokio ein Abkommen über die Beteiligung von Renault mit 36,8 Prozent am Kapital von Nissan. Am 30. Oktober 2001 geht die Allianz in eine zweite Phase: Die Partner kündigen eine Überkreuzbeteiligung und die Gründung einer gemeinsamen Managementstruktur an. Im März 2002 wird die Überkreuzbeteiligung umgesetzt, bei der Renault seine Beteiligung am Nissan Kapital auf 44,4 Prozent aufstockt. Nissan übernimmt – mit einer Option auf insgesamt 15 Prozent – zunächst 13,5 Prozent der Renault Anteile.

Dacia und Samsung

Ebenfalls wichtige Schritte in Richtung Globalisierung sind die Übernahmen von Dacia und Samsung Motors durch Renault in den Jahren 1999 und 2000. Renault will mit der Marke Dacia verstärkt den osteuropäischen Markt und Länder mit hohem Wachstumspotenzial erschließen. Eine Schlüsselrolle im Rahmen dieser Strategie spielt die robuste und wirtschaftliche Stufenhecklimousine Logan. Ursprünglich für die schlechten Straßenverhältnisse der Schwellenländer konzipiert, wird der Logan auf Grund der starken Nachfrage später auch in hoch entwickelten Industrienationen angeboten. Zudem wird die Dacia Modellpalette kontinuierlich ausgebaut.

Die Übernahme von Samsung Motors erfolgt im Jahr 2000. Das Unternehmen führt sukzessive eine an die Bedürfnisse des koreanischen Marktes angepasste, moderne Samsung Motors Fahrzeugpalette ein.

Im April 2010 unterzeichnen die Renault-Nissan Allianz und die Daimler AG eine strategische Kooperation. Diese beinhaltet unter anderem die Entwicklung einer gemeinsamen Architektur für ausgewählte Modelle. Die Vereinbarung schließt darüber hinaus die Nutzung von Motoren und Antriebsstrangkomponenten der Renault-Nissan Allianz für die künftige Generation von Daimler Kompaktwagen und leichten Nutzfahrzeugen ein. Ferner vereinbaren die Renault-Nissan Allianz und die Daimler AG die einmalige Beteiligung mit 3,1 Prozent am Grundkapital des jeweiligen Partners.

Wechsel an der Führungsspitze

Im April 2005 übergibt Louis Schweitzer den Vorstandsvorsitz Renault S.A. nach rund 13 Jahren an seinen Nachfolger Carlos Ghosn. Schweitzer behält den Vorsitz im Renault Verwaltungsrat. Seit 2016 zählt auch Mitsubishi Motors zur Renault-Nissan Allianz, nachdem Nissan 34 Prozent der Unternehmensanteile erworben hat.

Kooperationen in Russland und China

Im Rahmen seiner strategischen Partnerschaft mit AVTOVAZ trägt Renault außerdem seit 2008 entscheidend zur Erneuerung der Lada Modellpalette bei.

Erfolge in der Formel 1

2002 kehrt Renault als Werksteam mit eigenem Motor und eigenem Chassis in die Formel 1 zurück. In der Saison 2005 ist das Engagement in der Königsklasse des Motorsports von Erfolg gekrönt: Das Renault F1-Team gewinnt sowohl die Fahrer- als auch die Konstrukteursweltmeisterschaft. 2006 kann die Equipe den doppelten Titelgewinn wiederholen. Auch als Motorenlieferant ist Renault erfolgreich: Zwischen 2010 und 2013 gewinnt das Team Red Bull Racing mit dem RS 27-Aggregat viermal in Folge die Fahrer- und Konstrukteurswertung.

Wegbereiter der Elektromobilität

Auch auf dem Gebiet der nachhaltigen Mobilität fährt Renault an der Spitze: Mit dem Kangoo E-TECH und dem Kangoo Maxi E-TECH bringt Renault Ende 2011 die ersten batteriebetriebenen Elektroautos in Großserie auf den Markt. 2012 folgt der zweisitzige City-Flitzer Twizy und 2013 der kompakte Fünftürer ZOE. Dieser ist von Anfang an ausschließlich für den Elektroantrieb konzipiert. 2018 folgt der batterieelektrische Fullsize-Transporter Master E-TECH, 2020 der Twingo Electric. 2022 präsentiert Renault den Megane E-TECH Electric mit bis zu 470 Kilometer Reichweite sowie den neuen Kangoo Rapid E-TECH Electric.

Erfolgsfaktor Design

Als wichtiger Erfolgsfaktor erweist sich die unter Federführung von Laurens van den Acker entwickelte Renault Designstrategie. Der Niederländer ist seit 2009 Designchef von Renault. Ein Kernmerkmal der von ihm entwickelten neuen Formensprache ist die markante Inszenierung des Renault Rhombus durch ein neues Markengesicht. Als erstes Renault Modell, das komplett nach der Designphilosophie van den Ackers gestaltet ist, erscheint im Herbst 2012 die vierte Generation des Clio.

Mit den 2019 präsentierten neuen Modellgenerationen von Clio und Captur schärft Renault die markentypische Designsprache durch noch ausdrucksstärkere Formen und eine straffere Linienführung.

Daneben weitet Renault seit 2013 mit Captur, Kadjar, Koleos und Arkana das Angebot an Crossover-Modellen aus. Mit dem Kwid kommt 2015 außerdem ein maßgeschneidertes Einstiegsmodell für Indien und Lateinamerika auf den Markt. Die Premiere des Duster Oroch für den südamerikanischen Markt und des Alaskan markieren den Einstieg ins weltweit wachstumsstarke Pick-up-Segment.

2020 etabliert die Allianz Renault-Nissan-Mitsubishi etabliert ein neues Geschäftsmodell der Zusammenarbeit. Ziel ist die Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit und Profitabilität der drei Partnerunternehmen. Leitlinie der Zusammenarbeit ist das sogenannte „Leader-Follower”-Prinzip für Fahrzeuge und Technologien, um mehr Effizienz und Wettbewerbsfähigkeit dieser Bereiche zu erreichen. Zudem werden die Unternehmen die Referenz für die Region sein, in der die jeweiligen Schlüssel-Stärken des Referenzunternehmens liegen.

2020 wird der Italiener Luca de Meo neuer Vorstandsvorsitzender. Mit dem Strategieplan „Renaulution“ startet er eine umfassende Neuausrichtung des Unternehmens. Luca de Meo: „Bei der Renaulution geht es darum, das gesamte Unternehmen von Volumen auf Wert umzustellen. Es ist mehr als ein Turnaround, es ist eine tiefgreifende Transformation unseres Geschäftsmodells. Wir haben ein stabiles, gesundes Fundament für unsere Performance geschaffen. Wir haben unsere Prozesse verschlankt, angefangen bei der Entwicklung, unsere Größe angepasst, wenn es nötig war, und unsere Ressourcen in Produkte und Technologien mit hohem Potenzial gelenkt. Diese gesteigerte Effizienz wird unsere künftige Produktpalette beflügeln: technologiegetrieben, elektrifiziert und wettbewerbsfähig. Und dies wird unsere Marken stärken, jede mit ihrem eigenen klaren, differenzierten Gebiet; verantwortlich für ihre Profitabilität und Kundenzufriedenheit. Wir werden uns von einem Autokonzern, der mit Technologie arbeitet, zu einem Tech-Unternehmen entwickeln, der mit Autos arbeitet und bis 2030 mindestens 20 Prozent seines Umsatzes mit Dienstleistungen, Daten und Energiehandel erzielt. Auf dem Weg dorthin stützen wir uns auf die Stärken dieses großartigen Unternehmens, auf die Fähigkeiten und das Engagement seiner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Die Renaulution ist ein Strategieplan, den wir so umsetzen und erreichen werden, wie wir ihn erarbeitet haben: gemeinsam.”

24 neue Modelle bis 2025

Um die Position der Renault Group im Bereich Elektromobilität auszubauen, sollen bis 2025 insgesamt 24 neue Fahrzeuge auf den Markt kommen, davon mehr als die Hälfte rein elektrische Fahrzeuge. Den Anfang macht der ab Mitte 2022 verfügbare vollelektrische Megane E-TECH Electric mit bis zu 470 Kilometer Reichweite im WLTP-Prüfzyklus.

 

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