
Es gibt Dinge, deren Verschwinden so selbstverständlich schien wie der Siegeszug der Glühbirne – offene Automobile beispielsweise. Kaum vorstellbar, dass die ersten Autos fast ausschließlich als Cabriolets durch die Lande schaukelten. Ganz recht, liebe Leserinnen und Leser: Das Autodach war einst der Inbegriff von Luxus – so überflüssig wie ein Regenschirm in der Wüste, aber mindestens ebenso markerschütternd teuer.
Von Kutschen zu Karossen: Die Ursprünge des Offenfahrens
Die ersten Kraftfahrzeuge waren ganz offensichtlich das Produkt exzessiven Kutschdesigns. Dachkonstruktionen? Fehlanzeige. Warum auch? Der Mensch wollte doch fahren wie Gott ihn schuf: möglichst ungefiltert, mit einer Prise Wind und einem ordentlichen Schuss Staub. Und so rollten sie heran, die ersten Benz-Kutschen, deren einziger Luxus in der Wahrscheinlichkeit lag, dass wenigstens die Hutkrempe die Insekten abhielt.
Und auch wenn heute jeder zweite SUV-Fahrer das Gesicht verzieht, sobald ein Fenster geöffnet wird – früher war das offene Automobil keine Option, sondern die Norm. Dachlose Mobilität war schließlich nicht nur ein Accessoire, sondern Ausdruck eines Lebensgefühls, das irgendwo zwischen Abenteuerlust und fehlender Alternativen schlummerte.
Luxus oder Zwang: Warum Autos offen waren
Weshalb verzichtete der Mensch so standhaft aufs Dach? Nun, weniger aus purer Liebe zur Freiheit, als vielmehr aufgrund fehlender technologischer Möglichkeiten. Wie hätte man auch Anfang des 20. Jahrhunderts ein Dach konstruieren sollen, das nicht bei der ersten Böe davonflog? Also blieb das Dach eine wackelige Stoffkonstruktion – ähnlich vertrauenerweckend wie die Sparvorgaben bei italienischen Kleinstwagen der 1970er. Wer wirklich ganz nach oben wollte, gönnte sich einen Chauffeur mit Regenschirm.
Offene Karosserien waren somit Statussymbol – allerdings nicht wegen der frischen Luft, sondern wegen des Preises. Wer sich leistete, was andere fror, der war eindeutig in der Gesellschaft angekommen. Nicht zu vergessen: Je weniger das Fahrzeug vor Witterung schützte, desto exquisiter schien seine Ausstattung. Ein wenig wie Haute Couture bei Minusgraden – beeindruckend, aber nur für wenige wirklich sinnvoll.
Der Weg zur Limousine: Wenn das Dach die Moderne ermöglichte
Es sollte noch Jahrzehnte dauern, bis das feste Dach einzog – sehr zum Leidwesen all jener, die sich im offenen Automobil so herrlich als mutiger Pionier inszenieren konnten. Die Entwicklung zuverlässiger, tragfähiger Karosserien, die Wind und Wetter trotzten, verschob das Verhältnis zwischen „oben ohne“ und „ganz zu“. Das geschlossene Auto wurde plötzlich soziales Muss: Klimaschutz (Wetter, nicht CO2), Sitzheizungen, Komfort. Das offene Auto begann zu polarisieren – wurde zum Freiheitssymbol, zur Ausnahme, zum teuren Genussmittel der Gesellschaftsoptimisten.
Und so bleibt die Gründerzeit der offenen Automobile ein lehrreicher Blick in die goldenen Jahre, in denen Pragmatismus und Glamour mit rostigen Radkappen Hand in Hand gingen. Wer heute im Cabrio posiert, mag von Freiheit schwärmen – damals machte man es aus lauter Verzweiflung, weil einfach nichts anderes zu haben war.
Offen fahren damals und heute: Ein großer Unterschied
Man stelle sich vor, wie die wackeligen frühen Fahrzeuge über staubige Straßen rütteln – stets mit der Option, bei Regen nass bis auf die Knochen zu werden. Heute sieht das anders aus: Offen fahren ist ein sündhafter Luxus, ein subtiler Mittelfinger an die Alltagsvernunft – zum Preis von Komfort, Sitzkühlung und Wetter-App. Und dennoch: Es lebt, dieses archaische Bedürfnis, sich dem Himmel auszusetzen. Nur eben auf Knopfdruck, elektrisch, beheizt und bei Bedarf windgeschützt.
Kurz: Die Geschichte des offenen Automobils hat sich weiterentwickelt. Aber der Kern, das offene, direkte Fahrerlebnis, bleibt – auch wenn es heute nur noch eine nostalgische Randnotiz in einer Welt vollgedämmter Limousinen ist.
Was bleibt vom offenen Ursprung?
Wenig. Höchstens die Erinnerung daran, dass Automobilität nicht immer bequem, aber dafür ein Erlebnis war. Wer heute ein Dach per Knopfdruck öffnet, ahnt nicht, wie viel Überwindung frühes Offenfahren bedeutete. Vielleicht wäre es an der Zeit, wieder öfter einen Regentag zu riskieren. Nur um zu merken, dass Freiheit immer schon ein bisschen unbequem war – und genau das ihren Reiz ausmacht.
In einer Zeit, in der Kompromisslosigkeit entweder technischer Fortschritt oder Kapitulationsgeste ist, kann das offene Automobil als Denkmal gelten: für Mut, Eigensinn und den Wille, trotz aller Widrigkeiten ganz vorne im Wind zu stehen. Wer weiß, vielleicht erleben wir in einer Zeit hemmungsloser Klimaanlagen und Sitzlüftungen ja genau deshalb das Comeback der echten Frischluftkultur. Offenbar braucht jede Epoche ihren eigenen Windkanal der Ironie.
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