
Anders sein. Für viele ist das ein Modebegriff, für Citroën ist es ein Lebensexil. Während die deutsche Automobilindustrie unbeirrt Polster in die Sitze quilt, um Kunden in trägen Mainstream-Komfortzuständen zu wiegen, entschied man sich in Frankreich für das genaue Gegenteil: Citroën wollte nie einfach nur „sein“. Sondern vor allem: anders sein. Aber warum? Ein psychologisches Gruppenexperiment, getarnt als Automarke oder einfach ein ewiges Bedürfnis nach Aufmerksamkeit?
Der Duft des Unkonventionellen – Citroëns frühe Jahre
Schon in den rauchigen Zwanzigern, als andere Marken noch königliche Kutschen mit Motor bauten, präsentierte Citroën den Typ A und erntete Stirnrunzeln: „Effizienz und Serienfertigung? Das klingt aber sehr unfranzösisch!“ Doch Citroën lächelte nur – charmant, überlegen, mit einem Hauch von Nonchalance, der Deutschen wie Italienern gleichermaßen fremd blieb. Effizienz ja, aber bitte mit französischem Akzent und einem Hang zum Experiment – das war die Devise.
Anderssein als Prinzip – oder: der ewige Widerstand gegen den Zeitgeist
Man hätte bequemer sein, sich aufs Bewährte verlassen können – so wie die Konkurrenz. Aber Citroën verpasste jeder Modellgeneration einen eigenen kleinen Sprengsatz großbürgerlicher Motorverständnisse. Frontantrieb in den 30er Jahren? Ungehörig. Hydropneumatik, die das Fahrgefühl zwischen Raumstation und Wolke ansiedelte? „Unnötiges Technik-Gedöns!“, riefen sie von der Seine bis an den Main. Und doch, Citroën zog es durch – elegant und kühl. Was die einen als Spleen sahen, galt anderen als Innovationsmut: Konventionen sind für Langweiler, nicht für Citroën.
Designrevolution oder optische Revolutionärsposen?
Wem das zu wenig war, der durfte sich stets auf das berühmte Citroën-Designlabor freuen: Wo andere Schrankwände auf Rädern schufen, dachte Citroën in fließenden Formen oder geometrischen Tabubrüchen. Die DS beispielsweise wirkte stets so, als hätte Salvador Dalí eine Limousine entworfen – unfassbar, unvernünftig, unfassbar stilvoll. Für den klassischen Dienstwagennutzer ein Alptraum, für den Design-Connaisseur der feuchte Traum französischer Mobilitätsfantasien.
„Funktion“ bei Citroën – ein vergessenes Wort?
Natürlich wird Citroën für die Missachtung gelegentlich nützlicher Normen regelmäßig gefeiert oder auch belächelt. Dass ein Armaturenbrett auch an die Bedürfnisse des Homo Sapiens angepasst werden könnte, erscheint Citroën oft sekundär. Hauptsache, es sieht nicht aus wie beim Nachbarn – logisch, denn Individualität kommt vor Ergonomie, so lautet das inoffizielle Mantra zwischen Paris und Aulnay-sous-Bois. Der Fahrer darf ruhig irritiert sein, solange er anders irritiert ist als alle anderen.
Courage oder kalkuliertes Anderssein?
Es gibt Stimmen, die behaupten, Citroën mangelte es in all den Jahrzehnten immer wieder an wirtschaftlicher Vernunft, gerade weil man sich dem Mainstream so konsequent verweigerte. Aber ist es ein Makel, an Visionen zu glauben, die zwei Produktzyklen zu früh kommen? Und wurde nicht genau das zum heimlichen Markenzeichen? Die Konkurrenz baute Fahrzeuge für den aktuellen Geschmack – Citroën für den Geschmack von Übermorgen (manchmal auch Überübermorgen…)
Ein Manifest gegen Konventionen
Ja – Citroën ist anders. Weil man nicht anders kann? Oder weil man nicht anders will als anders? Wer Citroën fährt oder gar liebt, hat die Wahl: Er kann sich als Pionier fühlen, als Geschmacksavantgardist. Oder er genießt schlicht das gute Gefühl, im Kreisverkehr nicht wie alle anderen im seichten Sakko der automobilen Gewöhnlichkeit links abzubiegen, sondern wenigstens einmal mutig geradeaus zu fahren. Mit Hydropneumatik und Spleen.
Citroën im Zeitalter der Gleichförmigkeit
Heute ist Anderssein zum Werbeslogan geworden, den selbst die mutlosesten Mittelklassemarken zu kopieren versuchen. Aber Citroën bleibt Citroën. Nicht, weil man es so in den Marketinghandbüchern fordert, sondern weil Einzigartigkeit in der DNA steckt – und nicht auf den Anzug eines CEOs gestickt werden kann. Anderssein ist für Citroën keine Option, es ist Überlebensstrategie und manchmal auch die angenehmste Art, nicht zu scheitern.
Betrachtet man Citroën als die ewige Minderheit im Einheitsbrei der automobilen Massenpsychologie, versteht man auch den tiefen Sinn des Markenselbstverständnisses: Wer anders ist, bleibt sichtbar. Wer sichtbar ist, polarisiert. Wer polarisiert, braucht Mut – und den hatte Citroën immer im Übermaß. Man muss also kein Connaisseur französischer Avantgarde sein, um in jedem Citroën ein klares Statement gegen die Langeweile zu erkennen. Man muss es nur fahren. Und: Warum nicht auch genießen?
Haben auch Sie ein Business oder ein Projekt über das es sich lohnt zu berichten? Schreiben Sie uns!
