Citroën als Designlabor: Formen, Materialien, Mut. Warum Citroën Design immer experimentell verstand.

Citroën als Designlabor: Formen, Materialien, Mut. Warum Citroën Design immer experimentell verstand.

Wer an automobile Designikonen denkt, landet gewöhnlich bei den allseits bekannten und allzu langweiligen Verdächtigen: glatte deutsche Limousinen, rassige italienische Sportwagen oder britische Chrompanzer – aber Citroën? Die Marke mit dem Hang zum Experiment – mal genial, mal genial daneben – spielt in einer Liga für sich. Während andere Hersteller darauf konzentriert waren, ihre Kühlergrills in immer neue Rechteck-Varianten zu falten, widmete sich Citroën einer Beschäftigung mit Formen und Materialien, die schon früh an die Grenzen des guten Geschmacks und den Anfang der Ingenieurskunst führte.

Design – oder doch Rebellion?

Citroën verstand das Auto nie als bloßen Blechhaufen mit Lenkrad, sondern als Skulptur, als fahrendes Manifest für Originalität. Wer nach Konventionen fragte, wurde beim Gang durch die Citroën-Modellgeschichte regelmäßig enttäuscht – oder sollte man sagen erleuchtet? Ob das eiförmige 2CV-Cockpit oder die psychedelische Kurvenführung des Citroën BX (der aussah wie das Kind eines Origami-Meisters und eines Raumschiff-Ingenieurs), Citroën bewies, dass Mut bei den Franzosen nicht nur zum guten Wein gereicht wird, sondern auch im Designglas eingeschenkt wurde.

Formen aus einer anderen Galaxie

Wagen wir einen Blick auf die Parade der Eigensinnigkeit, die Citroën-Modellnamen wie DS, SM, CX oder C4 Picasso hervorbrachte. Während man sich beim Anblick anderer Marken entweder einschläfert oder einschmeichelt, bringt Citroën visuelle Rätsel auf die Straße. Die DS stand da wie ein rollendes Raumschiff aus einer goldenen Zukunft, der CX glänzte als windschlüpfriger Staats-Gleiter mit so wenig Widerstand, dass jeder Luftstrom freiwillig aufgab. Und der Ami6? Dessen Heckfenster wurde so schräg eingesetzt, dass es selbst für französische Nachbarn nach ‚Kunst‘ aussah – und vermutlich für heftiges Kopfschütteln bei deutschen TÜV-Ingenieuren sorgte.

Materialien – Wieso einfach, wenn es auch experimentell geht?

Konservatismus bei der Materialwahl? Wie langweilig! Plastik, Stahlblech, Aluminium, Gummi – Citroën nutzte sie nicht einfach, sie kombinierte und konterkarierte sie wie ein avantgardistischer Chefkoch Zutaten. Wer schon einmal das federleichte Dach eines 2CV angefasst hat, versteht, wieso Bauern und Intellektuelle gleichermaßen an Citroën glaubten: Hier war nichts überflüssig, aber alles besonders. Beim BX bestand die Karosserie teils aus Thermoplast – Recycling inklusive. Spätestens bei den Türverkleidungen, die an Bienenwaben erinnerten, wurde klar: Bei Citroën gibt es keinen Mainstream, nur Nebenflüsse voller Überraschung.

Experiment als Prinzip – Vision, Wahnsinn oder beides?

Man darf Citroën beinahe eine manische Affinität zur Provokation attestieren. Warum ein konventionelles Cockpit einbauen, wenn man die legendäre Ein-Speichen-Lenkrad-Nabe entwerfen kann? Warum einfach, wenn auch ungewöhnlich funktioniert? Der Mut, traditionelle Denkmuster zu brechen und dabei öfter den Spott als die Lorbeeren zu ernten, hat Citroën eine treue – gelegentlich an masochistischen Anflug erinnernde – Fangemeinde beschert. Design als Experiment ging oft auch wirtschaftlich schief, doch wenigstens dachte man bei Citroën nie in der Kategorie ‚langweilig vorhersehbar‘.

Kreativität als Kapital: Zwischen Genie und Wahnsinn

Manchmal fragte sich selbst der geneigte Fan, ob Citroën jeden Designprozess mit einer Prise Absinth würzte. Anders ist das Kopflösen der Scheinwerfer bei der SM oder der kantig-abstrakte CX-Innenraum schwer zu erklären. Doch genau hier liegt der Zauber, der Citroën nicht nur zur Automarke, sondern zum fahrenden Designlabor machte. Kreative Grenzgänge waren hier Prinzip, kein Unfall: Wo andere sich winden, wagte Citroën den Schritt nach vorne – in Sandalen, mit einem Monokel und stets dem Cliché der französischen Grandezza nachhängend.

Warum Citroën nie im Designmuseum verstaubt

Während zahllose Mitbewerber ihre Historie nachträglich mit viel Pathos und noch mehr Marketing aufhübschen, kann Citroën zum Glück (oder Leid?) auf eine echte Design-DNA zurückblicken. Modelle werden ausgestellt, diskutiert, begafft – und noch häufiger vorsichtig beäugt, ob sich das denn nun jemand ausgedacht hat oder doch die außerirdische Intervention am Werk war. Der Avantgarde-Anspruch erwies sich gleichzeitig als Segen und Fluch, als Verkaufshemmnis und Kultförderer. Wer das fließende, gleichzeitig exzentrische und elegante Erbe dieser Marke erkennen kann, entdeckt weit mehr als nur ein Mittel zum Zweck Mobilität.

Designflops? Mit Würde tragen!

Natürlich lief auch bei Citroën nicht immer alles auf Hochglanz und Applaus hinaus – das kann man bei einer echten Experimentierbude auch nicht erwarten. Einige Designs gingen in die Hose, manche Details wirkten schon beim Marktstart wie besonders kühne Witze. Aber während das Biedermeier-Blech anderer Hersteller schneller altert als ein französischer Camembert in der Sonne, üben die gescheiterten Citroën-Entwürfe heute mehr Faszination aus als manch kommerzieller Bestseller. Das Risiko, Design als fortlaufendes Experiment zu begreifen, bleibt eben das ehrlichste Bekenntnis zur eigenen Identität.

Wer in der automobilen Alltagswüste nach Besonderem sucht, folgt besser nicht den langweiligen Spuren der Mainstream-Mattscheibe. Citroën demonstriert mit Stolz, dass auch ein Scheitern auf höchstem Niveau unterhaltsamer ist als das ewige Vorsprechen bei der Designpolizei. Die Marke bleibt bis heute ein Labor von und für all jene, die automobile Form nicht als Pflicht, sondern als Kür betrachten. An alle Design-Liebhaber, Exzentriker und Nonkonformisten: Vielleicht ist es Zeit, die eigenen Designansprüche neu zu kalibrieren – Citroën zeigt, dass Mut und Experiment Geist und Seele in Blechform bringen.

   

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