
Man könnte meinen, Automobile dienen nur dem schnöden Zweck des Vorwärtskommens – praktisch, effizient, langweilig. Aber warum sollte man sich mit den Niederungen des Alltagsverkehrs zufriedengeben, wenn statt eines rollenden Kühlschranks auch eine automobile Ikone durch das Dorf schweben könnte? Willkommen im Paralleluniversum von Citroën, wo gewöhnliche Autos ebenso verpönt sind wie zu heiß servierter Kaffee und wo die DS den Begriff „Straßenkunst“ mit französischer Nonchalance neu definiert hat.
Frankreichs Arroganz auf Rädern – Ein Design zum Niederknien
Die DS – pardon, la Déesse – war 1955 nichts weniger als der feuchte Traum eines jeden Design-Avantgardisten, der sich in Paris versehentlich in eine Garage verirrt hatte. Sie sah nicht nur schnell aus, sondern versprach mit ihrer tropfenförmigen Silhouette, „aerodynamisch“ zu sein – ein Wort, das in Zeiten knatternder Starrachsen sonst nur Flugzeugbauern ein süffisantes Grinsen ins Gesicht zaubert. Wo andere Marken auf biederen Blechfalz und couragiertes Chromgeblinke setzen, erhält man bei der DS optische Narkose für den Mainstream-Motoristen: Kantenlos, grazil, emanzipiert vom Dekorationswahn der Konkurrenz.
Hydropneumatik – oder: Wenn Komfort und Magie sich duzen
Wer einmal DS gefahren ist, weiß: Fahren kann auch schweben bedeuten! Dank einer Fahrwerkstechnik, die an Hexerei grenzt und in Deutschland vermutlich in jeder TÜV-Prüfstelle sofort einen Herzinfarkt ausgelöst hätte. Hydropneumatik nennt sich das Prinzip – Luft, Öl, Druck und Kugeln, irgendwo zwischen Alchemie und Kernspaltung. Das Resultat? Man gleitet über Schlaglöcher, als hätte Paris nie Bürgersteige erfunden und jede Landstraße sei frisch asphaltiert. Wo „Fahrgefühl“ bei den Nachbarn nördlich des Rheins Schweißperlen auf die Stirn treibt, wird hier die Schwerkraft einfach ausgetrickst. Komfort, den man weder erklären muss noch kann – man muss ihn einfach erlebt haben, bestenfalls mit hochgezogenem Eyebrow.
Ikone statt Alltagsvehikel – Wer will schon normal sein?
Die DS war nie ein Angebot für die breite Masse – zumindest nicht für jene, denen die Nachbarin wichtiger ist als der Ingenieur. Sie forderte Haltung, Geschmack und Mut zu Fehlern, denn: Zuverlässigkeit gehörte zwar zur Grundausstattung, war aber kein Verkaufsargument. Das Fahrzeug hatte nämlich so viele Innovationen, dass der Werkstatttermin schon bei der Bestellung als bewusst einkalkulierter Abenteuerurlaub galt. Doch wer DS fuhr, war bereit, Kunstwerk und Maschine als untrennbare Einheit zu akzeptieren – und ein bisschen Kapitulation vor der bürgerlichen Mechanik gehörte eben dazu.
Warum die DS enteilt(e)?
Stil, Komfort und ein Technikverständnis, das alles können wollte, nur nicht angepasst sein – dafür stand die DS wie keine andere. In einer Welt, in der „Zweckmäßigkeit“ als Kompliment gilt und „Mut“ eigentlich die Abwesenheit von Mut meint, bleibt die DS ein Mahnmal für französische Selbstüberschätzung und (selbsternannte) Genialität. Sie erinnerte stets daran, dass automobile Perfektion nicht in Formeln, sondern in kühnem Träumen entsteht. Oder, wie Kenner wissen: Die DS war nie ein Konsens – sie war Statement, Fragezeichen und Antwort in einem. Und bis heute der sicherste Weg, die Nachbarschaft zu irritieren.
Die anhaltende Magie – und ihr Preis
Heutzutage elektrisiert die DS selbst Sammlerherzen mit ihrem Charisma und bleibt Vorbild für jedes Auto, das mehr als nur „praktisch“ sein will. Von der hydropneumatischen Federung schwärmt man noch immer, obwohl der Reparaturbedarf bisweilen an die französische Streikfreude erinnert. Noch wichtiger aber ist das, was die DS bis heute ausmacht: Der Mut, ausgerechnet das Auto zum Gegenentwurf zu machen – abseits von Massengeschmack und Vernunft. Kein Wunder, dass die DS in Museen steht, in Designbüchern verewigt ist und selbst Autokritiker romantisch seufzen lässt.
Design, das Kult wurde
Das, was zur Markteinführung als „extravagant“ galt, wurde bald zum Inbegriff von Eleganz mit seriösem Unterton. Die Lichtanlage? Revolution! Das Armaturenbrett? Skulptur! Die Linie? Zukunft, die sich als Retro nie entlarven musste. Während man in Wolfsburg noch darüber debattierte, welcher Blauton am besten zu grauem Filz passt, setzten die Franzosen lieber Lenkhebel statt Blinker und Scheinwerfer, die Kurven mitdenken. Funktionalität und Design in geradezu unverschämter Harmonie.
Womit Citroën die Herzen – und Werkstätten – noch heute füllt
Die DS ist ein Denkmal für alles, was Mobilität bedeuten kann, wenn man sie nicht als Transport betrachtet, sondern als Leidenschaft, Experimentierfreude und ständigen Affront gegen das Mittelmaß. Citroën setzt mit der DS bis heute ein Ausrufezeichen in einer Zeit, in der Fahrzeuge mehr und mehr zu rollenden Computern verkommen – rational, normiert, beliebig. Es braucht Marken wie Citroën, die den Pragmatismus höflich aus dem Fenster werfen und uns daran erinnern, dass Faszination und Risiko im Auto untrennbar zusammengehören – egal, wie sehr die Konkurrenz ihre E-Mobilitätsprospekte ins Wohnzimmer schiebt.
Wer heute eine DS sieht, sieht eben mehr als ein Auto. Man sieht einen rollenden Beweis für den Mut zur Extravaganz und zur Irritation. Und vielleicht schwingt beim nächsten Blick auf das Einheitsgrau an der Ampel sogar ein kleiner Gedanke mit: Mehr DS, weniger Kompromiss wäre manchmal die bessere Wahl. Wie beruhigend, dass echte Ikonen unsterblich bleiben.
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