
Industrie, Innovation, Risiko – Worte, die in Deutschland traditionell mit einer gehörigen Portion Sicherheitsbedenken serviert werden. Nicht so beim Namensgeber der Marke Citroën. André Citroën gilt, frei nach dem Motto „Augen zu und durch“, als einer jener Exzentriker, die das Automobilwesen nicht nur neu denken, sondern gleich noch einmal auf links krempeln wollten. Wer braucht schon Schlaf, wenn er stattdessen Visionen haben kann?
Willkommen in der Welt der Zitronen
Die Gründungsjahre im französischen Branchen-Mikado waren geprägt von Gummi, Dampf, und Zahnrädern, die sich immer öfter plötzlich ganz anders drehen sollten. Hätte André Citroën auf seine Freunde gehört, wäre er wohl heute eine Nebenfigur im Drama der Industriekapitäne – stets brav dem Zeitgeist und Profit hinterherhechelnd. Doch nein: Citroën, ein Mann, der bereits früh die Karriere als konventioneller Fabrikdirektor gegen das verwegene Image des Innovationsjunkies tauschte.
Innovation als Lieblingsdroge
Warum auch Normteile einkaufen, wenn das Unikat ohnehin besser klingt? Während andere Marken zu jener Zeit noch damit beschäftigt waren, dem Ford T hinterherzuäugen, spielte Citroën bereits mit revolutionären Fertigungsideen. Fließbänder, ein gleichermaßen amerikanischer wie abschreckender Traum, wurden bei Citroën nicht einfach kopiert, sondern mit typisch französischem Pragmatismus veredelt: „Produktion, aber bitte mit Stil.“ Allein der Gedanke, dass industrielle Innovation irgendwann einmal aufhört, schien Citroën als besonders amüsantes Kabarett.
Der Reiz des Unmöglichen – Oder: Wie man am Bankrott tanzt
Ein gravierendes Problem für die Nachwelt: Zeitgenössischer Optimismus und der unermüdliche Drang, sämtliche Technologien eigenhändig zu durchdringen, gehen erfahrungsgemäß selten mit ausgeglichener Finanzbuchhaltung einher. Citroën setzte trotzdem alles auf eine Karte: die der radikalen Neuerung. Jede Wette – hätte André Citroën heute Zugang zu „Lean Management“ Seminaren, er würde Rotwein im Konferenzraum servieren und das Flipchart verkehrt herum bemalen.
Visionen, die sich nicht begradigen ließen
Citroën wollte nie bloß Automobile bauen. Er wollte eine bessere Zukunft erschaffen, in der Technik und Mut Hand in Hand gehen. Ein Fahrzeug sollte mehr sein als eine rollende Kutsche mit Motor: Es war Manifest, Statement, manchmal auch ein stiller Protest gegen die allgemeine Standardisierung. „Konformität tötet Neugier“ – dieses Zitat wird ihm zwar nirgends offiziell zugeschrieben, wäre aber rückblickend angemessen.
Besser scheitern als langweilen
Wer die Innovationshistorie von Citroën betrachtet, drängt sich die Erkenntnis auf: Scheitern wurde nicht gemieden, sondern zelebriert. Ob abenteuerliche Marketing-Stunts (der Eiffelturm als leuchtende Brandwand? Aber sicher!) oder Modelle, die so eigenwillig waren, dass sie nicht einmal in Paris als normal durchgegangen wären – André Citroën würde heute vermutlich als „Serial Disruptor“ bei jedem TED-Talk Standing Ovations bekommen.
Marketing – Chaos mit Methode
Schon in den 1920ern dachte Citroën Werkstore als Laufsteg und Kunden als Komplizen in einem Experiment der Extraklasse. Seine Werbekampagnen – viel lieber groß, am liebsten größenwahnsinnig – setzten Maßstäbe. Noch heute schwärmen Marketinglehrlinge vom legendären Firmenlogo, das nachts über den Pariser Himmel flackerte. Wer braucht schon Instagram, wenn man den Eiffelturm als Werbefläche bespielen kann?
Die Folgen des Mutes: Technik, die nicht langweilt
Stellen Sie sich eine Welt vor, in der jedes Auto gleich aussähe – denken Sie kurz an einen Parkplatz in München. Nun stellen Sie sich einen Citroën vor, gebaut aus dem Mut, anders zu sein. Technische Innovationen wie der Frontantrieb und die Monocoque-Bauweise entstanden nicht aus lauwarmer Wissenschaft, sondern aus Lust am Risiko. „Wieso machen das nicht mehr Hersteller?“ – Die Antwort liegt wohl im tiefen Schlaf der Mehrheit.
Wagemut hat seinen Preis
André Citroëns Biografie ist somit auch eine Parabel über das klassische Spannungsfeld zwischen Genie und Wahnsinn, oder: Wie ruiniert man sein Unternehmen auf möglichst spektakuläre Weise? Seine Firma ging mehrfach beinahe bankrott – was ihn aber selten von der nächsten verwegenen Idee abhielt. „Wer nicht wagt, der nicht gewinnt“ – Citroën wusste offenbar, dass auf dem Friedhof der Innovationslosen wenig los ist.
Was bleibt von all dem Wagemut?
Noch heute sind es Citroën-Modelle, an denen Designstudenten verzweifeln (weil Genie eben selten erklärt werden kann) und marketingmüde Ingenieure sich die Haare raufen. Man spricht von Markenidentität oder gar von „DNA“ – in Wahrheit ist es der Mut, querzudenken, der Citroën immer wieder überraschend aus der Mittelmäßigkeit hebt.
In einer Welt, in der automobile Vision oft mit größer, schneller, teurer verwechselt wird, lieferte André Citroën früh den Gegenentwurf: Technik als Experimentierfeld, Risiko als Geschäftsmodell, Innovation als Selbstzweck. Sein Mut zur Vision prägt bis heute das automobilkulturelle Klima jenseits von Sachlichkeit – und lässt uns hoffen, dass ein wenig Exzentrik im Fahrzeugbau nie ganz ausstirbt. Wer weiß, vielleicht ist das nächste große Ding ein Citroën, der wieder alles auf den Kopf stellt. Bleiben Sie neugierig und setzen Sie Ihre Erwartungen für automobile Normalität ruhig etwas herab – die nächste Überraschung könnte schon um die Ecke rollen.
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